Der Ritter vom gefrorenen See

Bodensee · Bodensee · Aus: Badisches Sagenbuch

In einem strengen Winter, so wird erzählt, ritt ein Ritter über Land. Er kam von weither und wollte an das andere Ufer des Bodensees gelangen. Die Nacht war dunkel, der Schnee lag dicht, und der Ritter kannte die Gegend nicht.

Er ritt und ritt über eine weite, flache Ebene, die ihm wie ein verschneites Feld vorkam. Sein Pferd ging sicher und gleichmäßig, und der Ritter freute sich, dass er so guten Boden unter den Hufen hatte. Erst als er am anderen Ufer ankam und das Licht einer Herberge sah, erfuhr er die Wahrheit.

„Ihr seid über den See geritten!”, rief der Wirt mit bleichem Gesicht. „Der Bodensee ist zugefroren, aber das Eis ist dünn. Kein Mensch wagt sich hinaus!”

Da erst begrif der Ritter, was geschehen war. Die weite, flache Ebene, die er für ein Schneefeld gehalten hatte, war der zugefrorene Bodensee gewesen. Unter ihm, nur eine Handbreit Eis entfernt, hatte die schwarze Tiefe des Wassers gelauert.

Der Ritter erbleichte. Er wankte und stürzte vom Pferd. Sein Herz, das den Ritt über den See in Unwissenheit unbeschadet überstanden hatte, hielt dem Schrecken der Erkenntnis nicht stand. Noch in derselben Nacht starb er, so sagt man, am Schrecken über das, was er getan hatte.

Seitdem erzählt man sich am Bodensee: Manchmal ist es besser, nicht zu wissen, worüber man reitet. Und manchmal ist der Schrecken der Erkenntnis gefährlicher als die Gefahr selbst.

Aus dem Volksmund aufgezeichnet von Bernhard Baader, 1851.

Diese Sage stammt aus dem Badisches Sagenbuch

Bernhard Baader · Vollständige Ausgabe in der Edition Heimat des Verlag Kawerau.

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