Das Erdmännlein vom Kaiserstuhl
Am Kaiserstuhl, jenem vulkanischen Hügelland im Breisgau, wo die besten Weine Badens wachsen, lebte einst ein Erdmännlein in den Lösshöhlen.
Es war kaum drei Spannen hoch, trug ein braunes Röcklein und einen spitzen Hut, und seine Augen glänzten wie Bernstein. Die Winzer sahen es selten, denn es kam nur in der Dämmerung hervor, wenn die Menschen in ihren Häusern saßen.
Das Erdmännlein half den Winzern bei der Arbeit. In der Nacht, wenn niemand es sah, jätete es das Unkraut zwischen den Reben, band die Triebe auf und vertrieb die Käfer, die den Trauben schadeten. Am Morgen wunderten sich die Winzer, dass ihre Arbeit schon getan war, und sie dankten dem Erdmännlein mit einer Schale Milch, die sie am Rand der Weinberge aufstellten.
So ging es viele Jahre gut. Doch dann kam ein neuer Bauer in das Dorf, der nicht an Erdmännlein glaubte und die Milchschalen für Aberglauben hielt. Er lachte über die alten Leute und stellte keine Milch mehr auf. Mehr noch: Er grub eine der Lösshöhlen auf, um einen Keller daraus zu machen.
Von jenem Tag an half das Erdmännlein nicht mehr. Die Reben wuchsen schlechter, das Unkraut breitete sich aus, und die Käfer fraßen die Trauben. Der neue Bauer hatte die schlechteste Ernte weit und breit, und die alten Winzer schüttelten die Köpfe.
„Man soll die kleinen Leute nicht kränken”, sagten sie. „Wer ihre Hilfe verschmäht, muss seine Arbeit alleine tun.”
Ob das Erdmännlein noch am Kaiserstuhl lebt, weiß niemand genau. Aber manche Winzer stellen noch heute eine Schale Milch an den Rand der Weinberge — sicher ist sicher.
Aus dem Volksmund aufgezeichnet von Bernhard Baader, 1851.
Diese Sage stammt aus dem Badisches Sagenbuch
Bernhard Baader · Vollständige Ausgabe in der Edition Heimat des Verlag Kawerau.
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